Samstag, 31. Oktober 2026

Zwischen Größenwahn und Demut

Wo soll ich nach diesem Abend eigentlich anfangen? Selbst nach dem dritten Kaffee sitze ich hier und frage mich, ob dieser Fiebertraum tatsächlich so stattgefunden hat oder ob mein Gehirn irgendwann in der vergangenen Nacht beschlossen hat, mir einen besonders schlechten Halloween-Scherz zu spielen.

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Wir hatten vor dem Spiel vor einem gewissen Gruselfaktor gewarnt. Dass dieser allerdings derart erbarmungslos zuschlagen würde, hatten wohl selbst die größten Pessimisten nicht auf dem Zettel. Gruselig? Enttäuschend? Armselig? Sucht euch etwas aus. Irgendwie passt alles. Und irgendwie beschreibt keines dieser Worte so richtig, was sich am Freitagabend in unserem Wohnzimmer abgespielt hat.

Die nackten Zahlen sind schnell erzählt: Unsere Dresdner Eislöwen verlieren gegen das Tabellenschlusslicht aus Bad Nauheim mit 1:2. Und das Schlimmste daran? Diese Niederlage war unter dem Strich nicht einmal unverdient.

Eigentlich möchte ich gar nicht viele Worte über diese 60 Minuten verlieren. Denn sonderlich viel Erwähnenswertes gab es nicht. Unsere Cracks taten sich gegen einen spielerisch limitierten Gegner unfassbar schwer, blieben offensiv über weite Strecken erschreckend harmlos und ließen so ziemlich alles vermissen, was eine Spitzenmannschaft auszeichnen sollte.

Tyson Spink brachte unser Rudel nach 24 Minuten mit 1:0 in Führung. Eigentlich der Moment, in dem eine Mannschaft mit entsprechenden Ambitionen das Spiel an sich reißen und den Gegner endgültig in die Schranken weisen sollte.

Eigentlich. Stattdessen durfte Bad Nauheim erleben, wie wenig es an diesem Abend brauchte, um aus Dresden drei Punkte zu entführen. Ganze drei Schüsse brachten die Hessen im Mittelabschnitt auf das Gehäuse von Fabian Hegmann. Zwei davon landeten im Netz. Effizienz nennt man das wohl. Oder aus Dresdner Sicht: ein Offenbarungseid.

Anschließend mauerten die Gäste, unsere Eislöwen rannten mehr oder weniger kopflos an und irgendwann war der Spuk vorbei. Bad Nauheim feierte seinen ersten Auswärtssieg dieser Saison. Ausgerechnet bei uns. Ausgerechnet gegen eine Mannschaft, die ganz andere Ansprüche an sich selbst stellt.

Herzlichen Glückwunsch nach Hessen. Wer mit seinen begrenzten Mitteln einen solchen Auftritt hinlegt und den Gegner derart konsequent ins Leere laufen lässt, hat sich die Punkte verdient.

Und damit wären wir eigentlich schon beim Kern des Problems. Doch zuvor hatte dieser Abend noch eine ganz besondere Zugabe für uns parat. Nach diesem sportlichen Gruselkabinett wollten wir eigentlich nur noch eines: nach Hause.

Doch wer dachte, mit der Schlusssirene sei der schlimmste Teil des Abends überstanden, hatte die Rechnung ohne den Schienenersatzverkehr gemacht.

Bis Dresden-Klotzsche ging es mit dem Ersatzbus. Schön, dass es diesen überhaupt gab. Weniger schön, dass der entsprechende Anschlusszug offenbar nicht auf den verspäteten Bus warten konnte oder durfte.

Und so standen wir kurz vor 23 Uhr irgendwo in Dresden-Klotzsche auf einem Bahnsteig, während uns der herrliche Oktober-Nieselregen um die Ohren wehte. Ein bisschen Wind dazu, kaum Schutz vor dem Wetter und die Aussicht auf rund zwei Stunden Wartezeit. Halloween hätte kaum schöner sein können.

Irgendwann kurz vor halb zwölf konnten wir zumindest die Reise nach Bischofswerda antreten. Und dann, kurz vor der Abfahrt, tatsächlich eine kleine Erlösung: Für die Weiterfahrt ab Bischofswerda war kurzfristig Ersatz organisiert worden.

Ein Wunder! Zwar mussten wir auch dort noch eine Weile warten, aber immerhin saßen wir endlich wieder im Warmen. Gegen zwei Uhr nachts fiel dann auch bei den Letzten von uns die Wohnungstür ins Schloss. Und irgendwann auf dieser nächtlichen Odyssee stellt man sich unweigerlich eine Frage:

Warum zum Teufel tun wir uns das eigentlich an? Wegen eines Eishockeyspiels? Wegen 60 Minuten, in denen man sich über Fehlpässe, vergebene Chancen und eine vermeidbare Niederlage ärgert? Wegen einer Mannschaft, die einen manchmal an den Rand des Wahnsinns treibt? Ja. Genau deswegen. Weil diese verdammte Leidenschaft eben manchmal Leiden schafft. Und weil es am Ende doch um so viel mehr geht als um drei Punkte auf irgendeinem Tabellenkonto. Das Wichtigste an diesem Abend war, dass wir alle gesund und wohlbehalten nach Hause gekommen sind. Dass wir als Fanclub zusammengehalten, gemeinsam geflucht, gelacht und diesen völlig absurden Abend irgendwie überstanden haben. Das relativiert eine Niederlage. Es zeigt, wie nebensächlich dieser Sport im großen Ganzen eigentlich ist.

Eigentlich. Denn kaum sitzt man am nächsten Morgen mit seiner neuen Eislöwen-Fans Löbau Emailletasse am Frühstückstisch, kreisen die Gedanken schon wieder um diese verdammten 60 Minuten. Und plötzlich ist sie wieder da, diese Frage: Was zur Hölle stimmt mit unserer Mannschaft nicht?

Wir wollen nach oben. Aber benehmen wir uns auch so?

Und jetzt wird es unbequem. Wir reden von der DEL. Wir reden von der Meisterschaft. Wir reden davon, dass unsere Dresdner Eislöwen zu den besten Mannschaften dieser Liga gehören sollen. Wir wollen uns mit den Großen messen, wollen ganz oben angreifen und irgendwann den nächsten Schritt machen. Alles schön und gut. Ambitionen sind wichtig. Ziele sind wichtig. Und nach Jahren voller Höhen und Tiefen darf man durchaus davon träumen, wieder ganz oben anzuklopfen. Aber dann muss man sich auch wie eine Mannschaft verhalten, die genau dorthin will.

Wer Meister werden will, darf sich für keine Aufgabe zu schade sein. Wer in die DEL will, muss zunächst einmal die DEL2 ernst nehmen. Und zwar jeden einzelnen Gegner.

Auch Bad Nauheim. Gerade Bad Nauheim! Und genau hier beginnt dieser fast schon schizophrene Widerspruch, der mich zunehmend wahnsinnig macht. Auf der einen Seite wollen wir uns nicht mit Mannschaften wie Bad Nauheim messen. Nicht, weil wir diesen Vereinen den Respekt verweigern wollen, sondern weil unsere eigenen sportlichen Ansprüche inzwischen ganz andere sind. Wir wollen nicht im Tabellenkeller herumkrebsen. Wir wollen oben mitspielen. Wir wollen Titel gewinnen. Auf der anderen Seite scheinen wir aber gelegentlich zu vergessen, dass der Weg nach oben ausgerechnet über diese Mannschaften führt.

Du kannst nicht von der DEL träumen und gleichzeitig glauben, dass dir die Punkte gegen das Schlusslicht schon irgendwie geschenkt werden.

Das funktioniert nicht! Eine Spitzenmannschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie an einem guten Abend einen direkten Konkurrenten aus der Halle schießt. Eine Spitzenmannschaft zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie auch an einem schlechten Abend ihre Hausaufgaben erledigt. Dass sie gegen vermeintlich schwächere Gegner konzentriert bleibt. Dass sie nicht nach einer Führung innerlich schon den Feierabend einläutet. Dass sie bereit ist, auch gegen den Tabellenletzten dorthin zu gehen, wo es wehtut. Und wenn es spielerisch einmal nicht läuft, dann muss eben gearbeitet werden. Gebissen. Gekämpft. Erzwungen. Drei dreckige Punkte sind am Ende genauso viel wert wie drei Punkte nach einem rauschenden Eishockeyfest. Aber genau diese Erkenntnis scheint bei uns noch nicht überall angekommen zu sein.

Arroganz gewinnt keine Meisterschaften

Es ist ja nicht so, dass diese Mannschaft kein Eishockey spielen könnte. Im Gegenteil! Wir haben in dieser Saison bereits gesehen, welches Potenzial in unserem Rudel steckt. Umso unverständlicher sind diese regelmäßigen Aussetzer. Mal zerlegen wir einen Gegner nach allen Regeln der Kunst, dann lassen wir uns wieder vorführen. Mal wirken wir wie ein ernsthafter Titelkandidat, wenige Tage später wie eine Mannschaft, die sich ihrer eigenen Überlegenheit viel zu sicher ist. Und genau das macht mich wütend. Nicht die Niederlage an sich. Niederlagen gehören zum Sport. Auch ein Meisterschaftsanwärter wird nicht jedes Spiel gewinnen. Was mich wütend macht, ist die Art und Weise, wie wir solche Spiele aus der Hand geben.

Diese gefühlte Selbstverständlichkeit. Dieses Auftreten, bei dem man manchmal den Eindruck bekommt, dass schon die bloße Anwesenheit des Dresdner Eislöwen auf dem Trikot ausreichen müsste, damit der Gegner ehrfürchtig die Punkte abliefert. Nein, verdammt! So funktioniert diese Liga nicht.

Die DEL2 ist kein Wunschkonzert. Hier wartet niemand darauf, dass Dresden irgendwann vorbeikommt und sich die drei Punkte abholt. Ganz im Gegenteil. Für Mannschaften aus dem Tabellenkeller ist ein Sieg gegen einen vermeintlichen Favoriten ein Erfolgserlebnis, aus dem sie neue Hoffnung schöpfen können.

Und wer das nicht begreift, wird noch häufiger böse auf die Schnauze fallen. Arroganz ist kein Qualitätsmerkmal. Arroganz ist der Anfang vom Scheitern. Und wir Fans? Wir sind keinen Deut besser! Jetzt wäre es natürlich einfach, mit dem Finger ausschließlich auf unsere Mannschaft zu zeigen. Aber so billig möchte ich es uns nicht machen. Denn wenn wir schon über Überheblichkeit sprechen, sollten wir vielleicht zuerst einmal vor der eigenen Haustür kehren. Hand aufs Herz: Wie viele haben vor dem Spiel gegen Bad Nauheim überhaupt ernsthaft über eine mögliche Niederlage nachgedacht? Da wurde doch vielerorts nicht mehr darüber diskutiert, ob wir gewinnen, sondern nur noch darüber, wie hoch der Sieg ausfallen würde. Drei Tore Unterschied? Vier? Vielleicht sogar ein richtiges Schützenfest? Schließlich kommt ja nur das Schlusslicht. Nur Bad Nauheim. Nur eine Mannschaft, die auswärts noch keinen einzigen Punkt geholt hatte. Und genau da liegt der Fehler!

Es sind teilweise dieselben Leute, die von unseren Spielern Woche für Woche hundertprozentigen Einsatz, Konzentration und Respekt vor jedem Gegner einfordern, die selbst schon vor dem ersten Bully den Sieg als selbstverständlich verbuchen. Merkt ihr etwas? Wir verlangen von unserer Mannschaft eine Haltung, die wir selbst nicht immer vorleben. Wir wollen Demut auf dem Eis sehen, während wir auf den Rängen teilweise schon die Meisterfeier planen. Das passt nicht zusammen. Natürlich dürfen wir träumen. Natürlich dürfen wir hohe Erwartungen haben. Und selbstverständlich dürfen wir nach einer solchen Niederlage auch richtig sauer sein. Aber vielleicht täte uns allen ein bisschen mehr Bodenhaftung gut. Ich spreche im Zusammenhang mit der DEL2 immer wieder gern von Demut und Bescheidenheit. Nicht, weil wir uns kleinmachen sollen. Nicht, weil wir unsere Ansprüche herunterschrauben müssen. Und schon gar nicht, weil wir mit Mittelmaß zufrieden sein sollten.

Sondern weil Demut und Ehrgeiz keine Gegensätze sind. Im Gegenteil! Wer wirklich Großes erreichen will, muss zuerst die vermeintlich kleinen Dinge beherrschen. Und dazu gehört eben auch, einen Tabellenletzten ernst zu nehmen. Wir müssen nicht kleiner denken. Aber wir sollten endlich aufhören, uns größer zu machen, als wir tatsächlich sind. Denn die Tabelle interessiert sich nicht für große Namen, schöne Träume oder vollmundige Ankündigungen. Sie interessiert sich ausschließlich für Punkte. Und drei davon liegen seit Freitagabend in Bad Nauheim.

Wer Unruhe stiftet, hilft niemandem!

Eine Sache möchte ich zum Schluss noch loswerden. Rund um unsere Spink-Zwillinge machten am vergangenen Wochenende Gerüchte die Runde, die aus meiner Sicht vor allem eines bewirken: unnötige Unruhe. Ob dahinter tatsächlich Absicht steckt, kann ich nicht beurteilen. Aber wer ungeprüfte Behauptungen verbreitet, sollte sich zumindest darüber im Klaren sein, welchen Schaden er damit anrichten kann. Wir haben sportlich genügend Baustellen. Da braucht es nicht noch irgendwelche selbst ernannten Insider, die mit Halbwissen und Gerüchten für zusätzliche Unruhe sorgen. 

Deshalb meine deutliche Bitte an diejenigen, die solche Geschichten in die Welt setzen: Haltet einfach die Fresse, solange ihr nichts Belastbares vorzuweisen habt!

Kritik ist erlaubt. Kritik ist notwendig. Und nach Auftritten wie am Freitagabend muss Kritik sogar ausdrücklich erwünscht sein. Aber zwischen berechtigter Kritik und sinnloser Stimmungsmache liegt ein gewaltiger Unterschied.

Am Ende bleibt das, was uns niemand nehmen kann. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses völlig verrückten Abends. Wir können uns über unsere Eislöwen aufregen. Wir können schimpfen, fluchen, zweifeln und manchmal ernsthaft hinterfragen, warum wir uns diesen Wahnsinn immer wieder antun. Wir können nach einer bitteren Niederlage mitten in der Nacht auf einem zugigen Bahnsteig stehen und uns wünschen, einfach zu Hause geblieben zu sein. Aber wir werden trotzdem wiederkommen. Weil wir diesen Verein lieben. Weil uns diese Farben etwas bedeuten. Weil Eishockey für uns eben nicht nur ein Ergebnis auf einer Anzeigetafel ist. Und weil wir als Eislöwen-Fans Löbau auch an diesem Abend wieder gezeigt haben, was Gemeinschaft bedeutet. Gemeinsam durch die Niederlage. Gemeinsam durch den Regen. Gemeinsam durch das Chaos der Heimreise. Und irgendwann auch wieder gemeinsam durch bessere Zeiten.

Trotzdem sollte niemand den Fehler machen, unsere bedingungslose Leidenschaft mit bedingungsloser Zufriedenheit zu verwechseln. Wir stehen hinter dieser Mannschaft. Aber gerade deshalb dürfen und müssen wir mehr von ihr erwarten. Wer ganz nach oben will, muss endlich begreifen, dass der Weg dorthin nicht mit großen Worten, sondern mit harter Arbeit gepflastert ist. Nicht irgendwann. Nicht erst gegen die großen Namen. Sondern am Freitagabend gegen Bad Nauheim. Am Sonntag gegen den nächsten Gegner. Und an jedem verdammten Spieltag dieser Liga. Wir brauchen keine Mannschaft, die sich schon für etwas Besseres hält. Wir brauchen eine Mannschaft, die jeden Abend beweist, dass sie etwas Besseres werden will.

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Und vielleicht sollten wir Fans uns diesen Satz ebenfalls hinter die Ohren schreiben. Denn wer nach oben will, muss mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Auch dann, wenn der Kopf längst von der DEL träumt.

Unser ESC wird niemals untergeh'n!

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